Syrian-Heritage-Archive Project

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Die Lage in Syrien ist dramatisch - die Bewohner des Landes fliehen vor Krieg, Tod und Terror. Zur humanitären Katastrophe kommt die kulturelle: Das herausragende Kulturerbe Syriens mit sechs Welterbestätten der UNESCO und zwölf anderen auf der Vorschlagsliste ist im Begriff in großem Umfang zerstört zu werden. Museen werden ausgeraubt, Heiligtümer eingerissen, archäologische Stätten geplündert. Die einstmals intakte gesellschaftliche Struktur, in der materielles wie immaterielles Kulturerbe in einer auch für den Nahen Osten außergewöhnlichen Weise lebendig war, ist verloren gegangen. Eine seit Jahrtausenden gewachsene kulturell-ethnisch-religiöse Vielfalt der Region scheint sich immer stärker entlang ethnischer und religiöser Bruchlinien aufzusplittern  und wird von verschiedensten Akteuren instrumentalisiert. Dabei verdankt Syrien seine einmaligen kulturellen Zeugnisse gerade dieser Vielfalt.

Zum kulturellen Reichtum des Landes gehören beispielsweise altsteinzeitliche Steinwerkzeuge aus der Zeit des Wandels von aneignenden zu produzierenden Lebensweisen; bronzezeitliche Städte wie Mari, Ebla und Ugarit mit ihren Palästen und Tontafelarchiven belegen den intensiven Handel zwischen der Levante und Südmesopotamien; in Ugarit wurde die erste Alphabetschrift und die frühesten Notenaufzeichnungen, die wir bislang kennen, entdeckt. Das hellenistisch-römische Palmyra glänzte mit seinen Tempeln, seiner großen Stadtanlage, der Kolonnadenstraße und den Turmgräbern. Trotz der unschätzbaren Zerstörungen, insbesondere an den Tempeln durch den sogenannten Islamischen Staat sind die meisten Ruinen erhalten geblieben.

Die schlimmsten Zerstörungen haben die Altstädte von Homs und Aleppo erlebt. Letztere verlor ihren überdeckten Bazar, Moscheen, die bis in frühislamische Zeit zurückgehen, Karawansereien, Koranschulen und viele der charakteristischen Innenhofhäuser.

Das Museum für Islamische Kunst Berlin und das Deutsche Archäologische Institut (DAI), die beide durch ihre langfristigen Arbeiten in Syrien über umfangreiche Datensammlungen verfügen, begannen im November 2013 ein gemeinsames Projekt zur digitalen Erschließung ihrer Archive. Durch langjährige Forschungen, die in Zusammenarbeit mit der syrischen Generaldirektion für Altertümer und Museen (DGAM) durchgeführt wurden, liegen viele Dokumentationen, Fotos, Karten und Pläne von archäologischen und historischen Stätten Syriens vor. Die angefertigten Digitalisate werden in der Datenwelt des DAI gespeichert und stehen Fachleuten sowie der interessierten Öffentlichkeit zur Verfügung. In einer vom Team aufgebauten Datenbank werden die bekannt werdenden Schäden und Zerstörungen möglichst genau dokumentiert, bewertet und mit Dokumenten des vorherigen Zustands verknüpft. Sie beruhen auf Informationen, die von syrischen Aktivisten im Internet verfügbar gemacht werden.

Das Ziel eines möglichst umfassenden Archivs über Syrien, über seine Schätze und seine Zerstörungen, kann nur erfolgreich sein, wenn es sich mit den anderen ähnlich arbeitenden Projekten auf der Welt zusammenschließt. Wenn dem Grauen des Krieges eine Akkumulation des Wissens über die herausragende Kulturlandschaft Syrien entgegen gesetzt wird. Dazu ist es notwendig, sich auf allen Ebenen internationaler Standards und Thesauri zu bedienen und Schnittstellen zu kreieren, die die verschiedenen Datenbanksysteme auf der Welt untereinander kompatibel machen.

Zur Zielsetzung des Projektes gehört es, das gesammelte Datenmaterial der syrischen Seite zur Verfügung zu stellen. Kooperationspartner auf syrischer Seite ist die DGAM, die ebenfalls an einem umfassenden Register arbeitet, das durch die Daten des Syrian Heritage Archive Projects ergänzt wird. So kann das deutsche Projekt dazu beitragen, den Grundstock für den Wiederaufbau Syriens legen zu helfen und eine nationale Aussöhnung zu unterstützen.

Der Freundeskreis des Museums für Islamische Kunst unterstützt das Projekt aktiv. Es wird vom Kulturerhalt-Programm des Auswärtigen Amtes finanziert.

Das Syrian Heritage Archive Project ist Bestandteil der „Stunde Null“- Planungen des Archeological Heritage Network, das von DAI, Auswärtigem Amt und der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit getragen wird. Ein Folgeprojekt wird sich der kulturellen Bildung und dem kreativen Umgang mit Kulturerbe bei syrischen Kindern in den verschiedenen Aufnahmeländern widmen.

 

Projektstand - Arbeiten 2016 und Ausblick 2017

In seiner vierten Förderphase im Jahr 2016 hat die deutsch-syrische Projektgruppe des Museums für Islamische Kunst im „Syrian Heritage Archive Project“ (SHAP) erfolgreich an der Integrierung von über 15 weiteren Sammlungen zum syrischen Kulturerbe gearbeitet. Diese Sammlungen umfassen Fotografien, Pläne und Dokumente, hauptsächlich zu Themenbereichen der Archäologie und Baugeschichte, aber auch zur Landeskunde und Zeitgeschichte. Autoren dieser Sammlungen sind europäische Forscher und Reisende, wie auch syrische Sammler und Dokumentaristen. Darunter finden sich namhafte Wissenschaftler, wie Eugen Wirth (†), Michael Meinecke (†), Jean-Claude David, Stefan Weber und Stefan Heidemann sowie syrische Architekten und Fotografen wie der Fotograf der Antikenverwaltung Marwan Musilmani (†), Mohamad ar Roumi (Fotograf) und der Regisseur Sabah Qabbani (†).

Das SHAP ist ein Gemeinschaftsprojekt des Museums für Islamische Kunst am Pergamonmuseum und dem Deutschen Archäologischen Institut, gefördert mit Mitteln des Kulturerhalts des Außenministeriums. Seit seiner ersten Phase im Herbst 2013 ist die zentrale Aufgabe die Erstellung eines digitalen Archivs der Kulturgüter Syriens, als Initiative zur Rettung wissenschaftlicher Dokumente aber auch als Grundlage für den Wiederaufbau Syrien und gemeinsam mit syrischen Kollegen. Die 9 Projektmitarbeiter des Jahres 2016 kommen aus den Bereichen Archäologie, Kunstgeschichte, Architektur, Weltkulturerbe, Datenbanken und Archivierung, mehr als die Hälfte von ihnen sind Syrer. 

Zentrale Datenbank der digitalen Archivarbeit ist die Objektdatenbank für Bilder „Arachne“ des DAI. In diese wurden im Jahr 2016 weitere 29.000 Digitalisate (im Gesamtprojekt ca.130.000) eingeordnet. Schwerpunkte der Arbeit bilden Aleppo, Damaskus und Raqqa.

In der digitalen Archivierung spielt die exakte geografische Verortung eine bedeutende Rolle. Dazu arbeitet das Team mit dem digitalen Ortsregister des DAI „Gazetteer“. Die geografischen Referenzierung wurden um 1071 Ortseinträge erweitert, die zu den insgesamt 3500 Einträgen bislang hinzukamen. 

In der Datenbank zur Gebäudedokumentation, einem digitalem Raumbuch zur Erfassung und Zustandsbewertung von baulichem Kulturerbe, wurden Bilder zum Zustand von 75 Gebäuden in Syrien laufend gesammelt, eingeordnet und für die Bewertung der Schäden nach EU Norm vorbereitet. 

Da das SHAP sich in seinem Auftrag der Arbeit für Syrien und die Syrer verschrieben hat, konnten Wissenschaftler und Professoren aus Aleppo eingeladen werden und ein enger Austausch entstand daraufhin. Die Zusammenarbeit mit dem UNESCO-Projekt „Emergency Safeguarding of the Syrian Cultural Heritage“ in Beirut ist erwähnenswert, wo in zwei Trainings mit syrischen Fachkollegen zu Fragen der Inventarisierung und digitalen Archivierung diskutiert wurde. Zu den bereits vorhandenen Kontakten mit der syrischen Antikenverwaltung auf der einen und zahlreichen syrischen Kollegen auf der anderen, sind neue Kooperationen angebahnt worden, wie zu UNITAR, der UN-Organisation mit Arbeiten zur Bewertung von Schäden auf der Basis von Satellitenbildern, und mit ASOR der amerikanischen Initiative zum syrischen Kulturerbe, sowie Aktivistengruppen zum Kulturgüterschutz in der Provinz Idlib vor Ort.

In der anlaufenden Projektphase des Jahres 2017 werden weitere wichtige Sammlungen in das Archiv aufgenommen, besonders auch aus Syrien selbst und in Zusammenarbeit mit der UNESCO in Beirut. Besonders die Arbeiten zu Aleppo werden in einem Akteursnetzwerk ausgebaut: im Vordergrund stehen Zerstörungsdokumentation und ein Katalog der wichtigsten Gebäude. Damit die enorme Vielfalt und der Reichtum der syrischen Kulturlandschaft stärker publik werden, soll eine spezielle Webpräsentation geschaffen werden. Dazu ist auch eine Ausstellung angedacht.

 

Kooperationspartner: Deutsches Archäologisches Institut

Projektleitung: Dipl.-Arch. Issam Ballouz, Dr. Karin Pütt, Prof. Dr. Stefan Weber

Projektmitarbeiter: Eva Al-Habib Nmeir, Mariam Bachich, Issam Hajjar, Zoya Masoud

Laufzeit: seit November 2013

You Tube Video - Syrian Heritage Archive Project